Herzlich Willkommen in Lünen!
Foto: Heinz-Hilpert-Theater

Das Heinz-Hilpert-Theater

„Der Grundgedanke war, den Theaterbau in seiner Erscheinung entsprechend den Funktionen, denen die einzelnen Baukörper zu dienen haben, klar und kompromisslos in Erscheinung treten zu lassen“ (Gerhard Graubner)

Vor dem Beginn professioneller Theateraufführungen in Lünen gab es bereits jene einst so beliebten Aufführungen von Laienensembles, die – getragen von Vereinen – in Wirtshäusern und auch im Freien stattfanden. Der erste Schritt zum professionellen Theater in Lünen wurde erst 1938 auf der Freilichtbühne am Schloss Buddenburg getan, wo mit Veranstaltungen wie „Hutten, der Rebell“  nationalsozialistisches  Gedankengut vermittelt und selbst Goethes Egmont in den Dienst der Ideologie gestellt wurde. Einzelne Theateraufführungen hatte es im Schützenhof an der Cappenberger Straße und im Wichernhaus an der Goldbrinkstraße (dort steht heute das Postamt) gegeben. Das Wichernhaus, 1929 von der evangelischen Kirchengemeinden erbaut, wurde währen der ersten Kriegsjahre zum zentralen Kulturort in der Stadt, denn es bot mit seinem Saal Platz für 900 Zuschauer und mit seiner recht großen Bühne vielfältige Möglichkeiten.

Mühen des Anfangs

Hermann Hammer: Das Stadttheater, 1958 (Aquarell)
Hermann Hammer: Das Stadttheater, 1958 (Aquarell)

Schon bald nach dem Krieg fanden sich die ersten Theaterfreunde wieder zusammen, erstritten bei den Millitärbehörden Veranstaltungsrechte -  die ersten Musikveranstaltungen fanden im Saal der Palast-Lichtspiele an der Lange Straße statt – und füllten später den Saal des nach Bombenschäden wiederhergestellten Wichernhauses. Bürgermeister Carl Butz sammelte Kulturfreunde um sich und organisierte ab 1947 mit dem Kulturkreis Lünen Fahrten zu umliegenden Theatern, die aus den Trümmern wiedererstanden waren. Der bedeutende Andrang zu diesen Unternehmungen ließ den Wunsch nach einem eigenen Theaterbau in Lünen wach werden, aber an eine Realisierung war in den Nachkriegsjahren gar nicht zu denken. Die Stadt Lünen traf mit der evangelischen Kirchengemeinde eine Vereinbarung auf Nutzung des Wichernhauses für öffentliche Kulturveranstaltungen. Die Bühne des Hauses war umgebaut und modernisiert worden, und am 24. Februar 1950 fand die feierliche Eröffnung des „Städtischen Bühnen Lünen“ statt. Am folgenden Tag grassierte das Düsseldorfer Schauspielhaus mit dem Stück „Der Fall Winslow“ von Terence Rattigan in Lünen, die Hauptrolle des Robert Marton mit Gustav Gründgens besetzt. Ein besonderes Niveau war also vorgegeben, und es sollte mit mehreren Inszenierungen von Heinz Hilpert aus Göttingen der hohe künstlerische Standard bestätigt werden. Der Andrang des Publikums blieb stark, und es wurde immer deutlicher, dass Lünen andere Räume mit besserer technischer Ausstattung brauchte, wollte man ein attraktiver Abstecherort für Gastspieltheater bleiben. Schließlich stiegen mit der Fertigstellung der Theaterhäuser in den großen Städten auch die Ansprüche an Garderoben, Bühnentechnik und Beleuchtung in den Gastspielhäusern.

Ein Theater für Lünen

Foto: Zuschauerraum
Zuschauerraum

Im Jahr 1955 entstanden die ersten Pläne für eine „Stadthalle“; Oberbürgermeister Adolf Stock und Oberstadtdirektor Adelbert Kaukars nahmen Kontakt zu Professor Gerhard Graubner in Hannover auf, dem damals bekanntesten deutschen Theaterarchitekten, der bereits die Häuser in Bochum, Krefeld, Wuppertal, Trier und die Stadthalle Müllheim wiederaufgebaut hatte.

Graubner, geboren am 29. Januar 1899 in Dorpat, hatte an den Technischen Hochschulen in München und Stuttgart studiert, die Schauspielhäuser in Bremerhaven und Bochum, das Rathaus in Aachen und das Nationaltheater in Mannheim gebaut. Von 1940 an hatte er an der Technischen Hochschule Hannover gelehrt. Nach langen Auseinandersetzungen um den Erhalt der letzten historischen Reste des kriegszerstörten Münchner Nationaltheaters war er mit dem Wiederaufbau des Hauses betraut worden. Als er am 24. Juli 1979 in Hannover starb, war sein Theater in Heilbronn noch im Bau.

Die ersten Pläne für das Lüner Haus sahen einen großen Saal mit 700 bis 800 Plätzen und ein voll ausgebautes Bühnenhaus vor; ein kleiner Saal mit 300 Plätzen und eine Gaststätte sollten ebenfalls entstehen. Die Planung ging von einer Bausumme von 2,5 Millionen Mark aus.

Foto: Das untere Foyer
Das untere Foyer

Am 29. April 1954 wurde im Rat der Stadt für das folgende Haushaltsjahr der Grundsatzbeschluss zur Errichtung einer Stadthalle gefasst, und am 20. Oktober legte der Haupt- und Finanzausschuss den Standort fest. Am 19. Januar 1956 beschloss der Rat den Baubeginn für Mai desselben Jahres. In Rat und Bürgerschaft wurde eine heftige Diskussion um Funktion und Gestaltung der Stadthalle, wie der Bau noch immer genannt wurde, geführt, wobei besonders die Frage nach einem Rang- oder einem Parketttheater die Gemüter bewegte. Der Architekt bevorzugte ein Theater mit Rang und Logen sowie aufsteigender Bestuhlung, um erstmals ein „richtiges“ Gastspieltheater zu bauen. Empört reagierte ein Leserbriefschreiber: „Zunächst sprach man von einer Stadthalle, um die Sache schmackhaft zu machen, jetzt hört man nur noch Theater. Will man noch eine Prominentenloge mit Stadtwappen schaffen?“

Die Theaterbefürworter setzten sich schließlich durch, und nach Beseitigung weiterer Schwierigkeiten, die auch mit dem geplanten Standort zusammenhingen, begann die Errichtung des Zuschauerraumes sowie des Bühnenhauses und der Nebenräume.

Gastspieltheater als Konzept

Foto: Detail am Treppenaufgang
Detail am Treppenaufgang

In seinem Artikel im Theaterheft zur Eröffnung 1958 ging Graubner ausführlich auf die Aufgabenstellung für den Architekten ein. Er betonte vor allem die Schwierigkeit, dass ein Gastspieltheater für alle Sparten und auch für Konzert- und Kinoveranstaltungen geeignet sein solle. Dabei seien nicht nur komplizierte bühnentechnische Probleme zu lösen, sondern auch spezielle Akustikschwierigkeiten, die sich aus der geplanten vielseitigen Nutzbarkeit zwangsläufig ergeben mussten. Mit der Realisierung aller Bauabschnitte sah Graubner eine wirkungsvolle, von einheitlicher Gestaltungsidee bestimmte Baugruppe entstehen.

Doch zu einer vollständigen Realisierung ist es nicht gekommen, und das Gebäude blieb, wie Graubner selbst gesagt hat, Torso. Zwar wurde später eine Gaststätte, die „Parkterrassen“, angebaut, doch war ihr kein ausdauernder Erfolg beschieden. Erst mit dem Bau des Hansesaals wurde die Idee Graubners wieder aufgenommen: 1991 entstand ein geschlossenes Ensemble, das mit dem ebenfalls errichteten Hotel am Stadtpark die Aufgabe erfüllen kann, die der ursprünglichen Idee zu Grunde lagen. Graubner hatte zur Gestaltung geschrieben: „Der Grundgedanke war, den Theaterbau in seiner Erscheinung entsprechend den Funktionen, denen die einzelnen Baukörper zu dienen haben, klar und kompromisslos in Erscheinung treten zu lassen. Zuschauerhaus, Bühnenturm und die dazugehörenden Nebenräume sollen weder in übertriebenen Eigenformen herausgestellt noch durch eine architektonisch perfektionierte Hülle eines baulichen Effektes wegen ihrer Unterschiedlichkeit verdeckt werden. So erhebt sich über dem weißen Zuschauerhaus der rote Bühnenturm in seiner gegliederten Struktur, wechseln die geschlossenen Mauern mit den großen Glaswänden des Foyers und der Eingangshalle, in denen man die breiten Aufgangstreppen und den Zuschauerraum erkennt. Der geschlossene, polygonal geformte Körper des Zuschauerraums wird von den seitlichen und dem mittleren Foyer umschlossen, die durch die großen Glasflächen sich zur umgebenden Landschaft öffnen.“

Besonderer Wert wurde auf die Qualität der verwendeten Materialien und die Art der Verarbeitung gelegt. So harmonieren an den Fassaden eloxierte Aluminiumteile mit filigran vermauerten weißen holländischen Klinkern.

Außergewöhnlich in der Bühnentechnik ist die Lösung für den Eisernen Vorhang – dieser liegt nämlich vor dem Orchestergraben und ermöglicht so die Integration der Vorbühne in die Spielfläche. Durch den Einbau von Scheinwerfern auch an den Seiten der Vorbühne erhoffte Graubner sich eine weitere Flexibilität im Vergleich zu älteren Lösungen.

Der Architekt entwarf auch die innere Gestalt des Hauses, gab Farben und Farbkontraste ebenso vor wie er die Lampen für die Decke des Zuschauerraums und die Foyerbeleuchtung entwarf. Das von ihm bevorzugte Motiv der Zwirnrolle findet sich durchgängig auch im Treppengeländer und im Kunststeinboden des Garderobenfoyers. Für das Lüner Theater wurde weiter das gesamte Mobiliar entworfen, von der Saalbestuhlung über die zierlichen Foyermöbel bis zu den Schminktischen in den Künstlergarderoben. „Für die Gestaltung des Zuschauerraums war der leitende Gedanke, einen hellen, festlich wirkenden Raum zu schaffen, frei von aller Konvention in Form, Farbe und Detail. Die gegliederte Form der Seitenwände und der Rückwand mit den leichten Balkonen, deren dunkle Brüstungsfelder und seitliche Gitter sich vor dem hellen Holzwerk (japanische Sen-Esche) der Wandverkleidung abheben, geben dem Theaterraum den  feinen Maßstab und festlichen Charakter. Der rote Dekorationsvorhang vor der Bühnenöffnung und der Bezug des Gestühls bilden das farblich bestimmende Element gegenüber dem feinen weißen Netzwerk der kombinierten Beleuchtung und Belüftung unter der grauen Decke.“ Ein Gesamtkunstwerk als Rahmen für qualitätvolle Inhalte, das war das Konzept. Das Lüner Theater wurde am 11. Oktober 1958 mit der feierlichen Schlüsselübergabe von Gerhard Graubner an Oberbürgermeister Adolf Stock eröffnet. Heinz Hilpert, der damalige Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen und einer der großen Theatermänner, hielt die Festanasprache vor dem voll besetzten Haus. Auch der nordrhein-westfälische Kulturminister, Werner schütz, beglückwünschte die Stadt Lünen zu ihrem Wagemut. Mit einem Imbiss für die Festgesellschaft im Wichernhaus wurde gleichsam Abschied von dem bisherigen Theatergebäude genommen. Der festliche Tag endete mit der Aufführung von Verdis Oper Aida in der Inszenierung durch die Städtischen Bühnen Essen.

Das Theater bietet 765 Plätze, davon 122 in den 13 Logen. Der Bühnenraum ist 22,50 Meter breit und 25,30 Meter tief, die Hauptbühne umfasst 315 Quadratmeter, die Seitenbühne 185 Quadratmeter. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 4,2 Millionen Mark.

Kunst am und im Bau

Foto: Zweimal Orpheus (Gerhard Marcks/Kurt Morgenthal und Hermann Jünger)
Zweimal Orpheus (Gerhard Marcks/Kurt Morgenthal und Hermann Jünger)

Das Haus der Musen sollte nicht ohne Schmuck bleiben, und im Rahmen seiner umfangreichen Gestaltungsabsichten machte der Architekt Vorschläge zur Kunst am Bau. Er hatte nämlich zwei junge Absolventen der Münchner Akademie der bildenden Künste, Kurt Morgenthal und Hermann Jünger, kennengelernt – sie schufen für Lünen die abstrakten Wandplastiken an den Treppenaufgängen. Die Arbeiten aus Bronzestäben mit farbigen Emailplatten tragen die Titel „Orpheus und die Tiere“ und „Orpheus und die Bäume“, und sie riefen in Lünen heftige Diskussionen um moderne Kunst hervor. Der Wunsch nach gegenständlicher Darstellung wurde mit der ebenfalls von Graubner empfohlen Skulptur  von Gerhard Marcks erfüllt, die heute als vergoldete Bronzefigur das obere Foyer ziert. Die Figur wurde erst 1961 aufgestellt. Auf dem Vorplatz wurde im Jahr 1984 die Aluminiumplastik „Aufstrebende Stadt“ von  Ferdinand W. Just als Geschenk des VAW-Lippewerkes enthüllt.

Heinz Hilpert

Foto: Heinz-Hilpert
Heinz-Hilpert

Im Rahmen der Berlin-Woche wurde 1966 das Theater der Stadt Lünen auf Beschluss des Rates und Heinz-Hilpert-Theater umbenannt. Damit ehrte die Stadt einen der bedeutendsten deutschen Schauspieler und Regisseure, der seit den Nachkriegsanfängen im Wichernhaus immer wieder durch erfolgreiche Gastspiele zum Niveau des Lüner Angebotes beigetragen hatte. Hilpert, am 1. März 1890 in Berlin geboren, war 1925 Oberspielleiter an den  Städtischen Bühnen Frankfurt geworden, im folgenden Jahr war er zu Max Reinhardt an das Deutsche Theater in Berlin gegangen. Es folgte ein Engagement bei Robert Klein am Berliner Künstlerhaus und schließlich 1932 die Übernahme der Direktion der Volksbühne Berlin. Nach der Flucht Max Reinhardts übernahm Hilpert (mit Reinhardts Zustimmung) 1934 das Künstlertheater und Deutsche Theater in Berlin sowie das Theater in Josefstadt in Wien. Nach dem Krieg wurde er 1947 Intendant in Frankfurt, gründete das ambitionierte Deutsche Theater Konstanz und schließlich 1950 das Deutsche Theater Göttingen, dass er 1956 an Günther Fleckenstein übergab. Am 25. November 1967 starb Hilpert in Göttingen.

Mit der Neuberinstraße, die von der Lange Straße auf das Theater zuführt, wird an eine andere bedeutende Schaupielerpersönlichkeit erinnert. Frederike Karoline Neuber (1697-1760), die im 18. Jahrhundert das Theaterwesen reformierte.

Programmentwicklung

Das Theaterangebot und die Zahl der Vormieter waren in den Jahren seit dem Bezug des Neubaus, Schwankungen unterworfen, weil Finanzkrisen der Stadt stets zu Reduzierung der Veranstaltungszahlen führten. Ein besonders harter Einschnitt in das Lüner Musikleben bedeutete der Werdegang des Westfälischen Sinfonieorchesters.

Dennoch erwies sich das Theater als erfolgreicher Kulturträger in der Stadt, nicht zuletzt durch die geschickte Mischung des Programms in mehreren Serien. Mit Improvisationsgeschick ließ es sich vielseitiger nutzen als ursprünglich geplant. Bei Jazz-Light entwickelte sich im unteren Foyer Keller-Atmosphäre, legendär waren die Silvester-Bälle in der Kellerbar, bis die Nutzung aus Sicherheitsgründen eingestellt wurde. Im Verbindungsgang zu den später angebauten „Parkterrassen“  wurden zahlreiche Kunstaustellungen gezeigt. Das Theater ist seit seiner Eröffnung der Schauplatz nicht nur von Gastspielen vieler Bühnen mit bedeutenden und bekannten Schauspielern und Schauspielerinnen gewesen, sondern hat auch der Lüner Laienbühne „Die Kulisse“ ebenso Platz geboten wie feierlichen Chorjubiläen, Schüleraufführungen, Schulentlassungsfeiern, Tagungen und Vorträgen. So konnte bei dem Festakt zum 25jährigen Bestehen das Theater am 18. September 1983 zu Recht eine positive Bilanz gezogen werden.

Erhaltung des Theaters

Von Beginn an hatte die Theatermannschaft – wie es bei Großbauten kaum zu vermeiden ist – mit Unzulänglichkeiten zu kämpfen. So musste die Klima- bzw. Heizungsanlage mehrmals umgerüstet werden, die Fenster, mit der damals neuen Thermopanetechnik ausgestattet, sollten nicht blind werden, waren aber auch schon nach wenigen Jahren undicht. Auch die Flachdächer erforderten Renovierungsarbeiten.

In den ersten Jahren wurde der Innenanstrich in kürzeren Abständen erneuert, doch ging dabei die ursprüngliche Farbigkeit verloren. Auch die zarten Sitzmöbel wurden ersetzt und zwar durch orangefarbene Sofas. Notwendig waren die Ausstattung des Hauses mit einer Leichthöranlage und Veränderungen für Rollstuhlfahrer.

Erst im Rahmen der Großrenovierung in 1990er Jahren wurden der Urzustand soweit wie möglich wiederhergestellt, die Fenster mit regendichten Profilen ersetzt, die Technik modernisiert und das gesamte Haus in einen Zustand versetzt, dass das Heinz-Hilpert-Theater ein kultureller Mittelpunkt der Stadt mit Wirkung über die Stadtgrenzen hinaus – nicht zuletzt als einziger Theaterbau in Kreis Unna – bleiben kann.

Quelle

Informationen aus dem Museum der Stadt Lünen, 22
Text: Annette Borns
Abbildungen: Stadtarchiv Lünen, Museum der Stadt Lünen, G. Goldstein, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Downloads zu dieser Seite: